Male ich oder was?

img_9249-verkleinertMalen und Gestalten befreit mich. Ich fühle wie ein freies Kind, denn in meinem Atelier darf ich alles. Ich darf so sein, wie ich bin und das gilt genauso für alle meine Besucher. Jeder Mensch hat sein Leben, seinen Weg, seine (Ein-) Sicht auf das Leben. In meinem Atelier lade ich ein, dies mit Farben, leisen und lauten Tönen zu erkunden. Ich bin immer wieder freudig überrascht, wenn Menschen mit der weit verbreiteten Einstellung kommen, nicht malen zu können und dann stolz mit einem großartigen Ergebnis nach Hause fahren.

Das weiße Blatt ist zunächst ein mächtiges Gegenüber und eine Herausforderung. Viele Menschen sagen in diesem Moment: „Ich kann nicht malen“, obwohl sie den Pinsel noch nicht oder nie in der Hand hatten. Viele halten sich für unbegabt. Aber das ist Quatsch. Freies Malen kann jedes Kind und jeder Erwachsene, denn freies Malen ist ein ungeschminkter Ausdruck des Inneren. Das wusste natürlich ein Genie wie Pablo Picasso: „Als ich ein Kind war, konnte ich malen wie Raffael. Aber ich brauchte ein Leben lang, um so zu malen wie ein Kind.“

Kreativität hat meines Erachtens mit Lebendigkeit zu tun. Ich meine damit nicht ein schnelles Leben, sondern Vielfalt, Neugierde, Ausprobieren, Mut und Begeisterungsfähigkeit. Ich spüre genau, wenn ich mich anstrenge, gut zu sein und einer klaren Vorstellung hinterherlaufe, wie das Bild zu sein hat. Wenn ich jedoch offen, freudig, abenteuerlustig und mit etwas innerer Aufregung und Lampenfieber dem Blatt gegenüberstehe – also sozusagen mit dem Blatt, der Farbe und dem Pinsel auf Augenhöhe bin – dann wird es ein Zusammenspiel im Tun und Neues entsteht, was mich jedes Mal tief bewegt und begeistert.

„Am Ende wird alles gut und wenn es nicht gut ist,
dann ist es auch nicht das Ende.“

Es geht bei einem kreativen Prozess immer auch um Hingabe und Loslassen sowie um Akzeptanz von dem, was passiert. Diesen Prozess erlebe ich als neugieriges Experimentieren, ohne den Anspruch zu haben, schnell fertig zu werden. Ich finde, ein Bild – oder auch ein Leben – ist nie wirklich fertig. Es gibt nur den Abschlusspunkt in diesem Moment. Im Leben ist es der Tod. Beim Malen gibt es das Empfinden: Jetzt ist Schluss. Ein Punkt für diesen Moment. Das heißt nicht, dass später verändert oder neu gestaltet werden kann.

Beim Malen und auch im Leben bin ich oft meiner Ungeduld begegnet. Farben trocknen zu lassen kann sehr anstrengend für mich werden, wenn der Sprudel an neuen Ideen laut in meinem Kopf schreit. So darf ich das durch das Malen üben und stauen, wie sinnvoll es sein kann, abzuwarten und nicht gleich zu reagieren – im Leben oder auf der Leinwand. Man kann beim Malen und im Leben alles machen und ausprobieren. Ich lebe dies mittlerweile immer öfter, weil ich bereit bin, für mein Handeln die Verantwortung und die Konsequenzen zu übernehmen. Beim kreativen Malen und Gestalten ist es genauso.

„Trau dich zu leben!“ Dazu möchte ich Menschen ermutigen. Viele sind im MUSS gefangen: Zeitnot, Pflichten, Perfektionismus und dann sind sie plötzlich 80 Jahre jung und fragen sich, was sie aus ihrem Leben gemacht haben. Aber wir gestalten unser Leben, so wie wir unser Bild gestalten. Ich habe mich mehrfach neu gestaltet, ausprobiert, neu angefangen, losgelassen, neue Wege beschritten. Für mich ist wichtig, dass ich gehe und es wage, der Mensch zu sein, der ich bin.

Ich bewundere Gerhard Richter, Miro, Picasso, Jan van Oort, Günther Reil sowie Andy Goldsworthy, der Kunstwerke in der Natur gestaltet und uns so Vergänglichkeit auf eine künstlerische Art und Weise bewusst macht. Ich habe seit neun Jahren ein Atelier und komme mir dort wie auf einem Spielplatz vor. Da gibt es so viel zu entdecken – ob in alten Schachteln oder neuen Naturmaterialien. Dann stehe ich vor dem weißen Blatt und es geht los – oder manchmal auch nicht. Es kann passieren, dass ich dann ein altes Bild von mir nehme und es erst einmal übermale. Das Alte ist vorbei und oftmals passiert genau dann plötzlich das Unvorstellbare und etwas Schönes entsteht. Ich habe schon aus Farbpaletten mit den Farbresten ein für mich schönes Bild gezaubert. Absichtslos ist es entstanden – halt zufällig.

Im Leben ist es ähnlich. Früher habe ich exakte Lebenspläne für meine Zukunft geschmiedet, die Zukunft geplant und dann kam das Leben dazwischen. Heute lebe ich immer planloser, was für meine Freunde und Familie zum Teil unerträglich oder zumindest anstrengend ist. Aber ich möchte offen durch mein Leben und auch durch mein Atelier gehen. Wenn ich mal einen Plan habe, dann der, neues Material, Farben, Hilfsmittel oder andere Techniken auszuprobieren. Dann staune ich, was passiert, wenn ich Alkohol in eine Farbe gebe, wenn ich mit Zeitungspapier Strukturen erschaffe oder was passiert, wenn ich mit dem Föhn die Farbe zum Laufen bringe oder mit Strukturpaste eine Tiefe erschaffe. Wie viel Spaß und Chaos hat es gemacht, aufgeblasene Luftballons, in denen flüssige Acrylfarbe war, auf dem Papier zum Platzen zu bringen. Wau! da konnte ich nichts lenken oder planen und beeinflussen. Nur der Moment, die Leinwand und die Farbe tanzten.
Ich greife spontan zu Pinsel, Spachtel, Strohhalm, Föhn oder auch meinen Händen und das Abenteuer beginnt. Wie ein unerschrockenes Kind bin ich verzaubert vom Tun, vom Ausprobieren, sich entwickeln und vergesse Raum und Zeit. Mal bin ich wild und ausdrucksstark oder ich verweile konzentriert in Details und im Kleinen. Mein „Malen“ ist für mich jetzt in meinem Leben der passende Ausdruck, mein Innerstes sicht-bar zu machen. Es wird auf dem Bild offen-sichtlich, was gerade in mir ist.
Natürlich habe ich manchmal eine Idee, was ich kreieren möchte und spüre schnell, wenn es in eine andere Richtung geht. Dann stellt sich die Frage: Halte ich an meinem Lebens-Mal-Plan fest oder lass ich aufgeregt zu, dass sich etwas ganz anderes zeigen darf?
Für mich ist ein Bild nie wirklich fertig. Ja vielleicht für diesen Moment, jedoch beobachte ich an mir, dass ich immer öfter so genannte fertige und alte Leinwände überarbeite und neu gestalte. Ich überstreiche und arbeite andere Materialien ein, staune immer wieder, dass die unteren Schichten zart durchscheinen und dem Ganzen genau das Spannende und Unvorstellbare vermitteln. Ein steter Wandel – wie das Leben.

„Kreative Menschen haben keine Unordnung.
Sie haben überall Ideen rumliegen.“

Malen findet für mich immer im Jetzt statt, so wie das Bild. Im Leben ist es dasselbe: Wir leben zu viel in der Vergangenheit oder in der Zukunft und verpassen das Leben. Mir hilft das Malen, den Kopf frei zu bekommen. Ein Bild ist nicht unbedingt fertig, so wie ich als Mensch nie fertig bin. Manchmal sind beim Malen und Kreieren die Zufälle das Beste. Plötzlich sind die Farben fast nur MATSCH und aus dem NICHTS entsteht das fertige Bild. Diesen so genannten “Matsch“ auszuhalten und abzuwarten, ist auch für mich schwer. Aber ich habe mich dafür entschieden, dass der Prozess im Vordergrund steht. Es geht um das sich Einlassen auf Kreativität. Beim Malen kann ich nichts falsch machen, denn alles ist eine Erfahrung, ein Experiment.

Spielerisch öffne ich mich wie ein Kind neuer Herangehensweisen und halte alles für möglich, bis die Leinwand oder die Zeit mich stoppt. Ich liebe es, das neue, unbenutzte Blatt neu zu gestalten Ich will gar keinen Radiergummi mehr, um es zu korrigieren – nein, es passt immer.

Ich male gedankenlos-ziellos, lass mich überraschen. Das klingt vielleicht jetzt alles wild und laut und schrill. Nein, auch beim Malen mit flüssiger Acrylfarbe, wenn sie zart und unkontrollierbar sich vermischt und ihre Richtung findet, tolle Farbkompositionen entstehen, die von mir nie umgesetzt werden hätten können, ist Stille schön. Achtsamkeit und innere Ruhe werden sichtbar. Manchmal lasse ich mich durch Musik inspirieren, ein anderes Mal gehe ich vor dem Gang ins Atelier in die Natur oder meine Praxis und meditiere, werde leer. Und was dann aus dieser Leere entsteht, macht mir Freude. Ich male, um meine Vielfalt und mein Staunen über das Leben im Spiegel des Bildes wieder zu sehen.

Ich male, weil ich Freude und unbändige Lust an meiner Kreativität habe. Wir Menschen neigen dazu, Erfolg eher nach der Höhe unseres Gehaltes, nach Besitz oder nach der Größe des Wagens zu definieren. Erfolg ist für mich die eigene Zufriedenheit, Ausgeglichenheit, Lebensfreude, innerer Frieden und Dankbarkeit. Es ist ein Prozess, eine Erkenntnis, ein Wandel… immer wieder.

Für mich gibt es kein Ende der Ent-wicklung, keine Ende des Bildes. Ich liebe beim Malen und im Leben die Überraschungen. Ich bin und bleibe mit ganzem Herzen eine Lernende und eine Lehrende.

„Lebe hemmungslos, gib dich hin,
bekenne dich zu deiner Einzigartigkeit und Lebendigkeit.“

male-ich-1Male ich?
Ich weiß es jetzt!
Ja, ich male wie ein Kind: absichtslos, neugierig, experimentierfreudig, unsicher, spontan, versunken im Moment, wütend, wenn es nicht klappt, enttäuscht, stolz, spielerisch, mit Hingabe oder chaotisch, vorurteilsfrei, alleine oder gemeinsam. Ich male wie ein Kind!

Jetzt mit 64 Jahren Lebenserfahrung habe ich meinen Ausdruck gefunden, wie ich meine Neugier, mein Abenteuer, meine Freude, meinen Frust – auch die Lust am Kaputtmachen, wenn die Wut da ist – die Liebe, das Staunen durch das Malen ausleben kann und tue.